Wie sieht es generell aus mit der Bestimmbarkeit von Mikroorganismen im Verdauungstrakt des Pferdes?

Welche Aussagen lassen sich mittels moderner Diagnostik hierzu treffen? Das Mikrobiom des Pferdedarmes ist mittels gängiger Sequenzierungsmethoden (also Gensequenzierung) nicht verwertbar zu bestimmen. Das ist nachvollziehbar, da eine Gensequenzierung auch totes organisches Material, das im Futter enthalten ist und welches schon viele Jahre alt sein kann, enthält. Es entsteht ein Mischbild, welches eine längere Zeitperiode und lange Reise verschiedenster Mikroorganismen vor der Ankunft im Pferdedarm abbildet. Das Mikrobiom, das direkt im Pferdedarm lebt und für die Gesundheit des Pferdes wichtig ist, wird sehr unscharf dargestellt.

Die direkte Anzüchtung lebender Mikroorganismen präzisiert die Aussage erheblich. Auch wenn die meisten Keime nicht differenzierbar sind, können doch die Leitkeime ein verwertbares Muster ergeben. Hiermit lässt sich eine Aussage darüber treffen, in welchem Zustand sich das Darmmikrobiom des Pferdes befindet. Unter anderem gehören Milchsäurebakterien wie z.B. Lactobacillus casei und Bifidobacter zu den gesunden Leitkeimen des Pferdedarms.

 

Was sind Milchsäurebakterien? Sind sie nützlich oder schädlich?

Die Bandbreite an Milchsäurebakterien ist sehr groß. Milchsäurebakterien können aggressiv und schädlich oder auch sehr nützlich sein. Sie können sehr schnell Milchsäure bilden oder langsam, es kann rechts- oder linksdrehende Milchsäure entstehen. Unter ihnen gibt es sogar Krankheitserreger. Man muss sie also genau definieren und ihre vielseitige Wirkweise verstehen.

Bakterien verschiedener Gattungen können Milchsäure bilden: Bazillen, Laktobazillen, Streptokokken, Laktokokken, Enterokokken, Aerokokken, Salmonellen, Escherichia, Citrobacter, Shigella usw. Also bilden auch bekannte Krankheitserreger wie Salmonellen, Shigellen und pathogene Streptokokken Milchsäure. Schnelle Milchsäurebildner sind mitunter auch gefährlich. Sie können Azidosen im Pansen und Darm hervorrufen. Zu diesen gehören Streptococcus equinus, bovis, infantarius und weitere verwandte Arten.

Auch innerhalb einer Gattung der bekannten erwünschten Milchsäurebildner können eher unerwünschte und potenziell krankmachende Bakterien vorkommen. Laktokokken gehören grundsätzlich zu den gesundheitsfördernden, in der Hartkäseproduktion unverzichtbaren Bakterien. Sie bilden in kurzer Zeit Milchsäure sowie auch antibiotisch wirkende Stoffe, die Clostridien abtöten. Lactococcus garvieae jedoch gilt als Erreger von Fischerkrankungen und Mastitiden bei Wiederkäuern. Als typischer Joghurtkeim bildet Lactobacillus bulgaricus die von Säugern schwerer verwertbare linksdrehende Milchsäure. Streptococcus thermophilus – auch ein bekannter Fermentationskeim in der Lebensmittelherstellung – produziert nur rechtsdrehende Milchsäure. Viele Milchsäurebakterien können beide Formen der Milchsäure herstellen. Die linksdrehende Milchsäure ist übrigens nicht giftig, sie wird sogar im Säugetierorganismus gebildet.

Man sollte also grundsätzlich die Arten der Milchsäurebakterien nennen und Pauschalisierungen vermeiden. Im Gegenzug sind nicht alle „Nicht-Milchsäurebildner“ schädlich, viele von diesen Gattungen gehören in ein gesundes, funktionierendes Mikrobiom.

 

Wie sind Mikroorganismen im Verdauungstrakt des Pferdes verteilt?

Das Kot-Enddarm-Mikrobiom und Mikrobiom der vorhergehenden Darmabschnitte sind sicherlich unterschiedlich. Die Physiologie der Verdauung des Pferdes weist aber Gemeinsamkeiten mit anderen pflanzenfressenden Säugetieren auf. Letztendlich spiegeln die Mikroorganismen im Enddarm auch die Vorgänge in den anderen Verdauungsabschnitten wider. Eine überhöhte Stärkefütterung bzw. mangelhafte Stärkeverdauung z.B. ist sehr gut zu erkennen. Bei der Auswertung müssen Fütterung und Klinik berücksichtigt werden.

Im vorderen Teil des Magens sind natürlicherweise bereits große Mengen an Milchsäurebakterien vorhanden, die bei Veränderung des pH-Wertes durch Magensaftzufluss inaktiviert werden (siehe unten). Im Dünndarm entwickelt sich das spezifische Mikrobiom weiter und enthält dann zunehmend Streptokokken und Escherichia Coli Bakterien. In den großen Fermentern des Pferdedarms, dem Blind- und dem Dickdarm steigt die Keimzahl um ein Vielfaches. Hier sind zusätzlich anaerobe Keime, wie Enterobakterien, Bazillen und Clostridien zu finden. Diese Zusammensetzung findet sich auch in den Vormägen von Wiederkäuern.

Wie funktioniert die regelrechte Verdauung des Pferdes im Hinblick auf Milchsäurebakterien?

Das Pferd nimmt mit den Pflanzenteilen aus dem Futter natürlicherweise Milchsäurebakterien auf. Nach eigenen Untersuchungen wachsen Milchsäurebakterien der Arten Lactobacillus buchneri, paracasei, plantarum und rhamnosus auf unbehandelten, gesunden Grasblättern. Sie sind Teil des Biofilms des Grasblattes. Bei der Silierung vermehren sie sich und bilden Milchsäure. Frisches, gesundes Gras enthält also die gleichen Milchsäurebakterienarten wie eine spätere Silage, natürlich aber weniger Milchsäure bei geringerer Keimzahl. In der Silage wiederum werden von den o.g. Laktobazillen Milchsäuren im sauerstoffarmen (anaeroben) Milieu gebildet. Der Sauerstoffmangel in Kombination mit der Milchsäure verhindert das Wachstum von Schadkeimen wie Schimmelpilzen, Hefen und Clostridien. Vor allem Clostridien können nicht nur beim Pferd schwerwiegende Darmentzündungen (Koliken, Blinddarm- und Dickdarmentzündungen: “Colitis X”) hervorrufen. Die Laktobazillen stellen sowohl in der Silage als auch im Darm die wichtigsten Kontrahenten zu den – auch anaeroben- Clostridien dar. Laktobazillen sind in pH-Werten unter 4 und über 7 inaktiv. Das bedeutet, dass sie die alkalische Maulhöhle, den sehr sauren Drüsenteil des Magens (pH 2-4) und den wiederum alkalischen Zwölffingerdarm „schlafend“ durchwandern, und dort keine Milchsäure bilden.

Im drüsenlosen oberen Magenabschnitt können Milchsäurebakterien eher wachsen und Säure bilden. Hier bestimmt die Futterart das Tempo der Säureproduktion. Bei rauem Futter muss das Pferd länger kauen und es wird doppelt so viel puffernder Speichel (Bikarbonat) abgeschluckt. Im Magen wird das locker strukturierte Futter schnell mit Magensäure durchsetzt. Die verschiedenen Milchsäurebakterien, also auch Laktobazillen, bleiben dann eher inaktiv durch den absinkenden pH-Wert.

 

Was führt zu Problemen?

Strukturarmes, stärkereiches Kraftfutter wird sehr schnell geschluckt, verklebt und enthält wenig Speichel. Der Magen versucht, die schwierige Durchsaftung des „Mehlkloßes“ durch erhöhte Säureproduktion zu kompensieren. Andererseits gibt es eine starke Vermehrung der Milchsäurebildner im Stärkebrei. Hier sind eher die schnellen Streptokokken am Werk, die in kurzer Zeit große Mengen an Milchsäure bilden. Übrigens werden dann auch flüchtige Fettsäuren und Gase von anderen Bakterien vermehrt gebildet. Es kann zur Magenübersäuerung und -blähung kommen.

Silage wird weniger gekaut als Heu oder hartes Gras, jedoch mehr als Kraftfutter. Je nach Qualität bringt sie zusätzlich Säuren in den Magen. Deswegen sollte eine Silage für Pferde eine trockene, wenig saure, strukturreiche Heulage mit hohem Zelluloseanteil sein und keine feuchte, zuckerreiche und stark saure Grassilage. Der Nachteil der Heulagen liegt in ihrer schwierigen Verdichtung. Bei zu hohem Sauerstoffgehalt nach dem Pressen können Hefen und Schimmelpilze wachsen, die von Alkohol- und Mykotoxinbildung abgesehen, vor allem allergische Reaktionen beim Pferd auslösen. Wenn aber gut milchsauer fermentierte und von Clostridien, Hefen und Schimmelpilzen weitgehend freie, strukturreiche Heulage gefüttert wird, harmonieren Laktobazillen, Milchsäure und Magen-Darm-Trakt des Pferdes in gesunder Weise.

Die Milchsäurebakterien wachen bei ausgewogener Fütterung eines gesunden Pferdes letztendlich erst im Blinddarm und Dickdarm wieder auf und bilden neben der Milchsäure weitere wichtige Nährstoffe fürs Pferd. Das Pferd ist im Gegensatz zum Rind ein „Enddarmfermentierer“. Es ist als reiner Pflanzenfresser mit kleinem Magen auf ein ausgewogenes Mikrobiom inklusive der Milchsäurebakterien im Dickdarm angewiesen.

 

Wie entstehen also eine Magenübersäuerung und eine Dünndarmazidose?

Eine Magenübersäuerung mit nachfolgender Dünndarmazidose setzt also eine Fehlfütterung oder auch eine Erkrankung voraus. Eine Erkrankung kann z.B. durch eine Einschränkung der Kauaktivität und mangelnde Einspeichelung des Futters bei Zahn- oder Speicheldrüsenerkrankungen entstehen. So könnte eine Sarkoidose den Speicheltransport ins Maul behindern. Eine Zahnfistel schmerzt und schränkt das Kauen stark ein. Die Fehlfütterung besteht häufig in grundsätzlich zu hohen bzw. Einzel- Getreidegaben oder in falscher Reihenfolge der Fütterung. All dies führt zu verstärkter Magensäureproduktion und/ oder mangelnder Pufferung durch den alkalischen Speichel.  Auch Stress beeinflusst die Magensäurebildung. Am häufigsten leiden Turnierpferde an Magenübersäuerung und Geschwürbildung, da sich erhöhte Kraftfuttergaben und Stress häufig summieren.

 

Was ist ein Probiotikum und wie wirkt es?

Ein Probiotikum enthält „lebende, nichtpathogene Mikroorganismen, die -in ausreichender Zahl verabreicht- einen präventiven oder therapeutischen Effekt auf den Makroorganismus haben, ihm also einen gesundheitlichen Nutzen bringen.“ (FAO/WHO 2001). Neuerdings werden auch nicht lebende Mikroorganismen einbezogen, da sie gleiche Wirkungen aufweisen. Ein Beispiel wäre getrocknete Bäckerhefe (Saccharomyces cerevisiae).

Probiotika müssen genauso wie „Milchsäurebakterien“ differenziert betrachtet werden. Ihre qualitative und quantitative Zusammensetzung variiert erheblich, ebenso ihre Wirkung. Wertende Aussagen sollten nicht pauschal erfolgen.

 

Fazit

Es bestehen keine Hinweise darauf, dass ein Pferd die Fütterung von Milchsäure bzw. probiotischen Milchsäurebakterien nicht verträgt. Die verbreitete Annahme, Pferde würden anhand von gefütterten Milchsäurebakterien wie Laktobazillen bzw. Milchsäure (in geringen Dosen) an Magen- und nachfolgender Dünndarmübersäuerung leiden, kann aus ernährungsphysiologischer Sicht nicht bestätigt werden. Es scheint eine Verwechslung mit der Genese von Magenübersäuerung und Dünndarmazidosen infolge von Erkrankungen und stark verbreiteter falscher Fütterung inklusive mangelhafter Grundfutterqualitäten vorzuliegen.

Man kann festhalten, dass Milchsäure und Milchsäurebakterien zu einem gesunden Verdauungstrakt des Pferdes gehören und natürlicherweise über das Futter aufgenommen werden. Milchsäurebakterien müssen differenziert werden. Nicht jede Art ist in großer Menge nützlich. Die nützlichen Arten wachsen nicht uneingeschränkt in jedem Teil des Verdauungstraktes. Pauschalurteile sind auch hier mit Vorsicht zu betrachten.

 

Literatur

S. C. Bischoff et al.: „Probiotika, Präbiotika und Synbiotika“ Thieme Stuttgart 2009

H.-J. Selbitz, U. Truyen, P. Valentin-Weigand: „Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre“ Enke Stuttgart 2011

Anna May1, Monica Venner 2, Emanuela Cavicchioli 1 und Heidrun Gehlen3: Magenerkrankungen des Pferdes – Diagnostik und Therapie, Pferdeheilkunde 28 (2012) 4 (Juli/August) 388-405

Daniela Jobst, Dissertation TiHo Hannover 2001: Verbreitung von Clostridium difficile in einer Pferdeklinik unter Berücksichtigung des Vorkommens von Clostridium difficile und Clostridium perfringens im Kot von Pferden mit Koliksymptomatik und Typhlocolitis

Verband für handwerkliche Milchverarbeitung

Nicolas Knoop, Promotion, Med. Fak. der Universität Leipzig, 2014: Identifizierung von Enterobacteriaceae und Nonfermentern mittels MALDI-TOF MS unter besonderer Berücksichtigung von multiresistenten und darmpathogenen Erregern

H. Meyer, M. Coenen: „Pferdefütterung“, 5. Auflage, Enke Stuttgart 2014

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